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Euro-Krise? Kaufen Sie Zeit!
Erstellt am 05.06.2012 von Hess Martin, Leiter Wirtschaftspolitik

Dieser Titel ist kein Werbespot für die Qualitätsprodukte der hochrentablen Schweizer Uhrenbranche. Es ist vielmehr der dringende Appell von wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern an Andere, Massnahmen zu treffen, die das Platzen der Blase in der Eurozone verlangsamen sollen. Weil dies den angesprochenen Parteien, Ländern oder internationalen Institutionen nicht gelingt, raufen sie sich jeweils für ein grosses Hilfspaket zusammen. Regelmässig stellen sich diese dann als zu klein heraus. Aus meiner Sicht sind diese Designfehler nicht per se zu kritisieren, da die Erfahrung für solch gargantueske Unterfangen fehlt. Hingegen sollte man sich gut überlegen, ob überhaupt ein grosses Paket zum Kaufen von Zeit sinnvoll ist. Denn eines ist klar, auch ein Paket kann nicht mit einem einfachen Bricklebrit aus dem Nichts Goldstücke speien.

Wie aber kauft man Zeit? Das ökonomische Prinzip des Zeitkaufens ist sehr einfach und auch Sie können es anwenden. Verschieben Sie einfach notwendige Abschreibungen. Bilanzieren Sie Vermögenswerte zu hoch und sichern Sie sich durch Fantasieversprechen die nötige Liquidität bis zum nächsten Stichtag. Dann bleibt genug Zeit, um sich allfällig neu auftauchenden Schuldenlöchern zu widmen. Haben Sie dabei keine Hemmungen, den Betrag gross genug zu wählen, damit keine Zweifel an der Werthaltigkeit Ihrer verbliebenen Aktiven aufkommen.

Es gibt aber sehr wohl Voraussetzungen und Begründungen für ein erfolgreiches Zeitkaufen. Dient die teuer erkaufte zusätzliche Zeit dazu, Panik zu vermeiden, Vertrauen herzustellen und Systemfehler auszumerzen, kann man sich beschränkte Interventionen im Ausnahmefall durchaus überlegen. Als Beispiel bestens in Erinnerung bleibt der Ausspruch des damaligen SNB-Präsidenten Jean-Pierre Roth im Zusammenhang mit der Einrichtung des Stabfunds: „Die SNB hat Zeit. Wir sind da für die Ewigkeit“. In diesem Fall machte der Kauf von Zeit Sinn. Die Unsicherheit über die Bilanz der systemrelevanten UBS wurde reduziert und die SNB war abschreibungsfähig.

Es ist hingegen unverantwortlich, öffentliches Geld einzusetzen, um Wertloses werthaltig erscheinen zu lassen. Die Abschreibungen werden früher oder später ohnehin gemacht werden müssen. Die Angst vor dem Konkurs von Gläubigern darf nicht dazu führen, dass durch kreative Buchhaltung Rechtsordnungen untergraben werden oder Steuergelder in Fässern ohne Boden versickern. Beides schwächt die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass das Drohen eines Bankrotts bei Misswirtschaft zu einer mehrwertschaffenden Geschäftstätigkeit anhält, bzw. die marktwirtschaftliche Ordnung erst ermöglicht.

In Bezug auf die Lösung der Eurokrise besteht heute die reelle Gefahr, dass die EU diese elementaren Prinzipien in den Wind schlägt und direkt auf einen von Staatsbanken charakterisierten Finanzsektor zusteuert. Der Staatseinfluss in der unternehmerischen Tätigkeit von Finanzinstituten in der Eurozone wird den Bedeutungsverlust der Branche gegenüber den dynamischen Regionen dieser Erde beschleunigen. Für die Schweiz dürfte der politische Druck weiter steigen, sich der europäischen Nivellierung nach unten anzupassen.

Die Alternative? Ausreichende Abschreibungen und eine adäquate Marktbewertung würden vermutlich das Käuferinteresse an einzelnen Instituten wecken. Die Dienstleistungen könnten so weiterhin auf lange Sicht angeboten werden, und das Steuersubstrat würde geschützt, anstatt für den Kauf von einigen Monaten Zeit verwendet zu werden. Unabhängig davon, welche Massnahmen in Brüssel und einigen Kapitalen Europas beschlossen werden, sollten wir davon ausgehen dürfen, dass diese Alternative ernsthaft in die Überlegungen einbezogen wurde.

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Hess Martin
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