Wie gut ist der Bankenplatz aufgestellt?
Mit dem Bankenbarometer und dem Swiss Banking Outlook veröffentlicht die Schweizerische Bankiervereinigung (SBVg) ihre jeweils beiden wichtigsten jährlichen Branchenstudien. Was die Resultate über die Verfassung des Bankenplatzes Schweiz aussagen und welche Chancen und Risiken die Branche sieht, erläutern Martin Hess, Chefökonom und Nina-Alessa Michel, Policy Advisor Regulation & Economics aus dem Team der Wirtschaftspolitik der SBVg.
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Nina-Alessa Michel und Martin Hess diskutieren die Resultate des aktuellen Bankenbarometers und Swiss Banking Outlook
Wer die Ergebnisse des Bankenbarometers überfliegt, nimmt vor allem eines mit: Der Schweizer Bankensektor steht hervorragend da.
Martin: Die Zahlen sprechen tatsächlich für ein starkes Jahr. Der Geschäftserfolg erreichte 2025 ein Allzeithoch, die verwalteten Vermögen stiegen auf ein Rekordniveau. Bemerkenswert ist die konjunkturelle Entwicklung der Branche auch deshalb, weil das Umfeld anspruchsvoll bleibt. Die Schweizer Wirtschaft wächst nur moderat, die Zinsen liegen weiterhin bei null, geopolitische Unsicherheiten sorgen für Volatilität und die Rolle der Regulierung wird intensiv diskutiert
...und im Swiss Banking Outlook?
Nina: Auch der Blick nach vorne fällt grundsätzlich positiv aus. Die Mehrheit der für den Outlook befragten Expertinnen und Experten erwartet für 2026 einen höheren Geschäftserfolg. Von ungetrübter Zuversicht kann dennoch keine Rede sein. In den Antworten wird ebenso deutlich, wo die Branche unter Druck steht.
Trotz Nullzinsen und schwieriger Rahmenbedingungen sind ist der aggregierte Geschäftserfolg der Banken im letzten Jahr weiter gewachsen. Was macht den Unterschied?
Martin: Der wichtigste Wachstumstreiber ist derzeit nicht das klassische Zinsgeschäft. Besonders positiv entwickeln sich das Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft sowie die Vermögensverwaltung. Gerade hier profitiert die Schweiz von ihren traditionellen Stärken und ihrer internationalen Positionierung.
Nina: Die Ergebnisse der Befragung im Outlook zeigen, dass die Expertinnen und Experten mehrheitlich weiteres Wachstum vor allem in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung und im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft erwarten.
Ist das auch ein Zeichen dafür, dass sich das Geschäftsmodell der Banken verändert hat?
Nina: Das Zinsgeschäft bleibt wichtig, aber die Ertragsbasis ist heute breiter. Dienstleistungen rund um Anlegen, Beraten und Vermögensverwaltung gewinnen an Bedeutung. Das macht viele Banken in einem schwierigen Zinsumfeld widerstandsfähiger.
Warum bleibt die Schweiz in der Vermögensverwaltung so erfolgreich?
Martin: Die Befragten nennen insbesondere Rechtssicherheit und politische Stabilität als zentrale Faktoren. Gerade in geopolitisch unsicheren Zeiten gewinnt die Rolle der Schweiz bekanntermassen als verlässlicher Standort zusätzlich an Bedeutung. Das ist nichts Neues und spiegelt sich auch in den Erwartungen für die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung wider.
Welches Ergebnis aus dem Swiss Banking Outlook ist besonders bemerkenswert?
Nina: Mich beeindruckt vor allem die Klarheit bei einigen Themen. Beispielsweise besteht ein bemerkenswert breiter Konsens, dass Digitalisierung im Kundenerlebnis und der erfolgreiche Einsatz von künstlicher Intelligenz entscheidend für die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit des Bankenplatzes sein werden.
KI wird für die Wettbewerbsfähigkeit so hoch gewichtet, obwohl der Business Case vielerorts noch nicht eindeutig ist?
Nina: Gerade weil die Auswirkungen noch nicht vollständig sichtbar sind, wird das Thema von vielen Banken als strategische Weichenstellung verstanden. KI kann nicht nur die Effizienz im operativen Betrieb steigern, sondern auch in der Kundeninteraktion, Risikoanalyse, Produktentwicklung und im Umgang mit Daten zum Einsatz kommen. Wer hier den Anschluss verliert, könnte mittel- bis langfristig Wettbewerbsnachteile haben.
Die Studien zeichnen also insgesamt ein positives Bild. Wo liegen die grössten Risiken?
Martin: Die Antworten fallen hier sehr eindeutig aus. Als wichtigstes Risiko werden die zunehmende Regulierungsdichte und regulatorische Unsicherheiten genannt. Gleichzeitig nimmt der Wettbewerbsdruck durch digitale Plattformen und Technologieanbieter zu. Die Banken müssen beides im Blick behalten.
Auf der anderen Seite wird das digitale Kundenerlebnis als grösste Chance bezeichnet. Ist das nicht ein Widerspruch?
Nina: Eigentlich nicht. Die Digitalisierung eröffnet zahlreiche Möglichkeiten, Kundinnen und Kunden besser zu betreuen und Dienstleistungen effizienter anzubieten. Gleichzeitig entstehen durch neue Technologien auch neue Wettbewerber, die Wettbewerbsintensität nimmt also zu. Genau deshalb werden Digitalisierung und Technologie in den Antworten gleichzeitig als Chance und als Herausforderung sichtbar.
Die Geschäftszahlen entwickeln sich erfreulich. Gleichzeitig zeigt das Bankenbarometer eine uneinheitliche Entwicklung bei der Beschäftigung. Wie ist das einzuordnen?
Martin: Der Rückgang ist vor allem auf die Grossbank, sprich die Integration der CS in die UBS, zurückzuführen. Alle anderen Bankengruppen konnten 2025 zusätzliche Stellen schaffen. Für den weiteren Verlauf von 2026 rechnen die befragten Institute mehrheitlich mit einer stabilen Entwicklung. Das zeigt: Die Beschäftigungslage im Bankensektor ist deutlich differenzierter, als es die Gesamtzahl und die Berichterstattung in den Medien auf den ersten Blick vermuten lässt.
Was sollten Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit aus den beiden Studien mitnehmen?
Martin: Die Studien zeigen einen Bankenplatz, der auch in einem anspruchsvollen Umfeld robust aufgestellt ist. Die Aussichten sind positiv. Entscheidend wird sein, die traditionellen Stärken des Standorts zu bewahren und gleichzeitig die Chancen technologischer und wirtschaftlicher Veränderungen zu nutzen.