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01.10.2020

«Ist nur Bares Wahres? - Perspektiven zum Zahlungsverkehr in der Schweiz»

Stetige Neuerungen im Zahlungsverkehr bringen die Finanzbranche zum Umdenken und Handeln. Verschiedene Entwicklungen versprechen Vorteile – für Banken, Geschäftskunden und vor allem Privatkundinnen und -kunden. Um diese Vorteile vollends ausschöpfen zu können ist es wichtig, dass die Banken Innovationen im Zahlungsverkehr vorantreiben und geeignete Kooperationen eingehen. Auf lange Sicht müssen jedoch auch etablierte Strukturen neu gedacht werden.

Der Zahlungsverkehr erscheint auf den ersten Blick als nebensächliches und schmuckloses Geschäftsfeld der Banken. Doch der Schein trügt. Neue und etablierte Anbieter bringen mit innovativen Produkten und Dienstleistungen wieder Schwung in den Zahlungsmarkt und stellen die über Jahrzehnte entstandenen Prozesse und Infrastrukturen vor neue Herausforderungen. Müssen wir am Ende sogar unser zugrundeliegendes Verständnis von Geld überdenken?

Die «Bargeldnation Schweiz» durchlebt einen stetigen Wandel

Der Swiss Payment Monitor 2020 der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Universität St. Gallen macht deutlich, dass die Debitkarte in der Schweiz weiterhin das beliebteste Zahlungsmittel ist. Eine genauere Betrachtung der Transaktionsvolumina zeigt, dass im vergangenen Jahr rund 28 Prozent der Ausgaben mit der Debitkarte, 23 Prozent mit Bargeld und 21 Prozent mit der Kreditkarte bezahlt wurden. Gemessen an der Anzahl der Transaktionen führt das Bargeld mit rund 45 Prozent aller Transaktionen.

Aber auch in der traditionell bargeldaffinen Schweiz schwindet die Bedeutung des Bargeldes kontinuierlich. Dazu passt, dass die Bezugshäufigkeit abgenommen hat. Durchschnittlich trägt gemäss Swiss Payment Monitor jeder Schweizer und jede Schweizerin rund CHF 70 bei sich. Mit diesem Geld werden vornehmlich Klein- und Kleinstbeträge bis zu CHF 20 beglichen. Trotzdem werden in diesen Betragsbereichen immer häufiger auch kontaktlose und mobile Bezahlverfahren sowie Prepaidkarten eingesetzt. Die Corona-Krise hat dieses Verhalten weiter zu Gunsten von kontaktlosen Zahlungsmethoden beeinflusst, wie die vergangene Analyse der SBVg zeigt. Am häufigsten werden derzeit mobile Bezahllösungen im Zusammenhang mit Mobilitätsdienstleistungen (v.a. ÖV, Parken) eingesetzt. Beispiele hierfür sind Zahlungen über die TWINT- und die SBB-App. Währenddessen nimmt der Bekanntheitsgrad von Bezahllösungen grosser Technologieunternehmen wie Apple, Google, und Samsung weiter zu und befeuert den Wettbewerb um die Kundenschnittstelle im digitalen Zahlungsverkehr.

Ein Blick in die Zukunft: Bezahlen im Restaurant mit Daten oder «tokenisierten» Assets

Die Verdrängung von Bargeld als Zahlungsmittel durch digitale Zahlungslösungen wird mit grösster Wahrscheinlichkeit weiter zunehmen. Vor diesem Hintergrund hat die SIX im Whitepaper «Future of Money» bereits im vergangenen Jahr verschiedene Zukunftsszenarien des Geldes mit unterschiedlicher Eintrittswahrscheinlichkeit entwickelt. Insgesamt gehen die Autoren davon aus, dass die Bargeldhaltung abnehmen wird. Dieser Rückgang wird vor allem dadurch befeuert, dass die Nachfrage nach Bargeld als Zahlungsmittel in diesem Gedankenspiel um bis zu 70 Prozent sinken wird.

Im wahrscheinlichsten Szenario der SIX sind digitale Zahlungen nahtlos in digitale Dienstleistungen eingebettet und können durch eine steigende Anzahl von IoT-Geräten (Internet of Things) direkt ausgelöst werden. Diese Entwicklung führt dazu, dass « Instant Settlement», d.h. die verzögerungsfreie Abrechnung und Ausführung von Zahlungen, zum «New Normal» wird. Banken öffnen ihre APIs (Application Programming Interfaces) und treten in den Wettbewerb um die Kundenschnittstelle ein. Kredit- und Debitkarten verschwinden, da die Zahlungen nun ausschliesslich über digitale User Interfaces (UIs) bzw. Mobilgeräte, laufen. Plastikkarten verlieren ihre Authentifikationsfunktion, da der Nutzer sich direkt über sein Endgerät biometrisch identifizieren kann. Aufgrund der Zinssituation sowie anderen Faktoren lassen Menschen immer weniger Geld auf ihrem Kontokorrent liegen und investieren dieses in Kapitalanlagen. Nicht-monetäre digitale Anlagen werden deshalb zunehmend die Wertaufbewahrungsfunktion von traditionellen Währungen herausfordern. Des Weiteren werden diese «Assets» immer häufiger als Zahlungsmittel genutzt. So ist es dann beispielsweise möglich, im Restaurant mit den eigenen Daten oder «tokenisierten» Assets zu bezahlen. Aufgrund der verminderten Nachfrage nach Bargeld gehen die Autoren davon aus, dass die Anzahl der Bankomaten um bis zu 40 Prozent fallen wird und in Bankfilialen kein Geld mehr abgehoben werden kann. In ländlichen Gegenden führt der Kostendruck auf die Bargeldinfrastruktur dazu, dass eine beinahe zirkuläre Bargeldökonomie entsteht. Eine sogenannte «Crowd-Sourced Cash Infrastructure».

Banken werden innovative Angebote und Zusammenarbeit mit Drittanbietern weiter vorantreiben

Auch wenn diese Entwicklungen sich für manchen Beobachter noch nach Zukunftsmusik anhören, sollte die Geschwindigkeit des Wandels nicht unterschätzt werden. Gerade in Zeiten von COVID-19 könnte das bereits jetzt beobachtete exponentielle Wachstum bei den kontaktlosen Bezahlmöglichkeiten noch stärker zunehmen. Um von diesem Wachstum zu profitieren, werden Banken die Innovation und Zusammenarbeit im Zahlungsverkehr vorantreiben und die Bedürfnisse der Kunden noch besser verstehen und implementieren müssen. Insbesondere die Entwicklungen im Bereich Open Banking und Open Finance sind ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, der dabei helfen kann, Produktinnovation und Effizienzsteigerung voranzutreiben. Banken sollten den Zahlungsverkehr auf jeden Fall nicht kampflos Drittanbietern überlassen, da sie so wichtige Vorteile wie Kundenbindung und die Analysefähigkeit im Rahmen eines «Personal Finance Managements» aufgeben. In einer ferneren Zukunft müssen sich Finanzdienstleister jedoch grundlegende Gedanken über die Funktion von Geld sowie möglichen aufkommenden Alternativen machen. Die echte Disruption des Zahlungsverkehrs wird nämlich spätestens mit einer ausgeprägten Datenökonomie und der «Tokenisierung» von non-monetären Wertgegenständen Realität werden.

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