Mehr als digitales Geld: Wie Tokenisierung die Finanzmärkte verändert
Die Diskussion über die Tokenisierung tritt in eine neue Phase. Während in den vergangenen Jahren vor allem digitale Zahlungsmittel im Mittelpunkt standen, rückt zunehmend die Tokenisierung von Vermögenswerten in den Fokus. Das diesjährige Point Zero Forum in Zürich zeigte, dass die Bedeutung der Distributed Ledger Technology (DLT) weit über den Zahlungsverkehr hinausreicht und das Potenzial hat, die Finanzmärkte strukturell zu verändern.
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Das diesjährige Point Zero Forum in Zürich markierte einen Wendepunkt im Diskurs rund um Digital Assets. Beflügelt durch politische und regulatorische Unterstützung durch die USA, insbesondere infolge des GENIUS Act, erhielten Stablecoins erwartungsgemäss grosse Aufmerksamkeit. Gleichzeitig wurde deutlich, dass digitale Zahlungsmittel nur ein Baustein eines umfassenderen tokenisierten Finanzsystems darstellen. Die Zukunft dürfte in einem «multi-rail» digitalen Finanzsystem zu liegen, in dem digitales Zentralbankgeld (CBDCs), Stablecoins sowie tokenisierte Einlagen und Vermögenswerte parallel existieren und miteinander interagieren. Entscheidend ist dabei, eine funktionierende Brücke zwischen traditionellem Finanzsystem und neuen DLT-basierten Infrastrukturen zu schaffen.
Tokenisierte Vermögenswerte als nächster Wachstumstreiber
Im Zentrum vieler Diskussionen stand die Frage, wie die Tokenisierung den Sprung von Pilotprojekten in die breite Anwendung schaffen kann. Als nächster logischer Schritt wurde insbesondere die Tokenisierung klassischer Finanzinstrumente identifiziert. Ein Bankchef betonte, dass tokenisierte Anleihen einen wichtigen und naheliegenden Einstieg in eine neue Stufe der Tokenisierung darstellen, und zeigte sich überrascht, dass sich dieser Markt bislang nicht schneller entwickelt hat. Der ehemalige Generaldirektor der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Agustín Carstens, erwartet dabei keine Ablösung bestehender, traditioneller Finanzmarktinstrumente und -infrastrukturen, sondern eine Koexistenz.
Das Point Zero Forum ist eine gemeinsame Initiative des Global Finance & Technology Network (GFTN) und des Staatssekretariats für internationale Finanzfragen (SIF) zur Förderung des politischen und technologischen Dialogs im Bereich der Finanzdienstleistungen. Das Forum findet jährlich in Zürich in der Schweiz statt und bringt Vertreter von Zentralbanken, Aufsichtsbehörden, politischen Entscheidungsträgern und führenden Unternehmen der Branche zusammen, um die neuesten Entwicklungen im Bereich der Finanztechnologie und die Zukunft des Finanzwesens zu erörtern.
Effizientere und 24/7 Kapitalmärkte
Ein wesentlicher Treiber der Entwicklung liegt in den Effizienzpotenzialen. Das aktuelle Finanzmarktsystem basiert vielerorts auf Technologie aus den 1970er- bis 1990er-Jahren und damit aus einer Zeit vor dem Internet. Hier könnte DLT, bei welcher das elektronische Transaktionsregister dezentral über ein Netzwerk vieler Computer verteilt ist und die insbesondere die Blockchain als Typus beinhaltet, als neues System zum Zuge kommen. Der Einsatz dieser Technologie könnte Emission, Handel und Abwicklung effizienter machen und dadurch Zeitaufwand und Kosten an den Kapitalmärkten reduzieren. DLT ermöglicht eine weitergehende Automatisierung durch Smart Contracts und perspektivisch eine durchgängige Verfügbarkeit der Finanzmärkte. Damit könnte ein Ende der beschränkten Börsenöffnungszeiten eingeläutet werden. Die dezentrale Natur der DLT könnte auch die Eliminierung eines «single point of failure», also von Konzentrationsrisiko, ermöglichen; je nach Implementierung könnten jedoch neue «points of failure» wie etwa durch den Konsensmechanismus eingeführt werden.
Vertrauen und Regulatorik als Fundament
Die Bedeutung von Vertrauen zog sich wie ein roter Faden durch das Point Zero Forum. Bereits zum Auftakt wurde auf Ministerstufe seine Wichtigkeit für das Finanzsystem betont. Für tokenisierte Finanzmärkte erfordert dies sowohl Sicherheit und Resilienz gegenüber Manipulierung auf der technologischen Ebene, als auch klare Governance-Strukturen und rechtliche Rahmenbedingungen. Zentrale Herausforderungen bleiben die Rechtssicherheit, insbesondere hinsichtlich Eigentum und Settlement-Finalität, die regulatorische Einordnung, wie in der EU etwa bei der laufenden Überprüfung des Revisionsbedarfs zu ihrer Kryptomarktverordnung MiCAR aufgeworfen, sowie die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen Plattformen und Blockchains.
Schweiz zwischen Führungsanspruch und Wettbewerbsdruck
Nun ist zentral, dass alle Akteure voranschreiten, um die Effizienzgewinne einzusammeln und die Finanzmärkte in die nächste Entwicklungsstufe zu heben. Europa richtet seinen Blick ohnehin zunehmend auf die Kapitalmärkte, um Investitionen in Innovation und Wachstum zu fördern. Konsens herrschte auch bei den hochrangigen Schweizer Staatsvertretern darüber, dass Innovation primär aus dem Markt entstehen muss, während die Regulierung die entsprechenden Leitplanken setzt. In diesem Spannungsfeld wird sich auch entscheiden, ob die Schweiz ihre starke Ausgangsposition in der nächsten Phase der Tokenisierung behaupten kann. Finanzministerin Karin Keller-Sutter brachte es mit ihrem Appell «just do it» auf den Punkt: Innovation setzt einen verantwortungsvollen Umgang mit Risiken voraus, nicht jedoch staatliche Impulse.