«Beim CHF-Stablecoin entscheidet sich jetzt, wer mitgestaltet»
Stablecoins sind vom Nischenthema auf die finanzpolitische Hauptbühne gerückt. Während international die Leitplanken gesetzt werden, stellt sich für die Schweiz eine einfache Frage: Gestalten wir die nächste Generation des Zahlungsverkehrs mit oder überlassen wir das Feld anderen? Martin Hess, Chefökonom und Gesamtprojektleiter Digitale Währungen bei Swiss Banking, erklärt, was das neue Vertiefungspapier für Banken und Wirtschaft zeigt. Natalie Graf, Senior Legal Counsel, sagt, welche regulatorischen Weichen jetzt gestellt werden müssen.
Social Bookmarks
Im Februar haben wir hier über die neue Stablecoin-Regulierung gesprochen. Damals lautete die Warnung: Die Schweiz darf nicht zum Zuschauer werden. Was ist seither passiert Martin Hess?
Martin: Viel. International hat sich die Entwicklung weiter beschleunigt. Und auch in der Schweiz geht es nicht mehr nur um Theorie: Mehrere Banken und weitere Akteure haben im Frühjahr eine gemeinsame CHF-Stablecoin-Sandbox lanciert, um konkrete Anwendungen unter Live-Bedingungen zu testen. Der Zug fährt also bereits. Mit unserem neuen Vertiefungspapier gehen wir einen Schritt weiter: Wir untersuchen, welchen konkreten Nutzen unterschiedliche Ausgestaltungen des CHF-Stablecoins für Banken und Wirtschaft stiften und welche Designmerkmale Risiken eindämmen können.
Natalie Graf, heisst das aus regulatorischer Sicht: Die Schweiz muss jetzt einfach möglichst schnell Stablecoins ermöglichen?
Natalie: Nein. Schnell allein reicht nicht. Entscheidend ist, wie der regulatorische Rahmen ausgestaltet wird. Ein CHF-Stablecoin muss sicher, vertrauenswürdig und wirtschaftlich tragfähig sein. Gleichzeitig dürfen Schweizer Banken gegenüber Anbietern aus dem In- und Ausland nicht strukturell benachteiligt werden. Insbesondere sollten Banken Stablecoins direkt unter ihrer Bankbewilligung emittieren können, ohne eine Tochtergesellschaft als Zahlungsmittelinstitut gründen zu müssen. Es geht darum, die mit Stablecoins verbundenen Risiken angemessen zu adressieren und sicherzustellen, dass unsere Banken unter wettbewerbsfähigen Bedingungen an diesem potenziellen Zukunftsmarkt teilnehmen können.
Was ist die wichtigste Erkenntnis aus der neuen Analyse?
Martin: Ein CHF-Stablecoin aus der Schweiz kann klare Vorteile haben. Besonders interessant sind Anwendungen im B2B-Bereich, bei grenzüberschreitenden Zahlungen, im Treasury und in tokenisierten Finanzmärkten. Unsere Analyse zeigt aber auch: Der Nutzen entsteht nicht einfach dadurch, dass ein Stablecoin existiert. Er entsteht nur dort, wo er tatsächlich in wirtschaftliche Prozesse integriert wird. Von diesem Punkt hängt die Entwicklung des Schweizer Stablecoins ab.
Warum ist dabei entscheidend, dass ein CHF-Stablecoin aus der Schweiz kommt?
Martin: Weil die Alternative nicht lautet «Stablecoin oder kein Stablecoin». Wenn sich solche Zahlungsmittel durchsetzen, können auch ausländische Anbieter CHF-Stablecoins anbieten. Erste CHF-Stablecoins aus dem Ausland existieren bereits heute. Bei einer Schweizer Lösung bleiben dagegen Aufsicht, Know-how, Wertschöpfung und wichtige Teile der Zahlungskreisläufe hier. Das stärkt die Finanzstabilität sowie die Wettbewerbsfähigkeit unserer Banken, und es reduziert Abhängigkeiten von ausländischen Lösungen.
Welche Aufgabe hat Swiss Banking in diesem Prozess, gerade mit Blick auf die Bedürfnisse der Mitgliedbanken?
Martin: Unsere Aufgabe als Branchenverband ist es, früh zu untersuchen, was solche Entwicklungen für die Banken bedeuten. Die Geschäftsmodelle unserer Mitglieder sind sehr unterschiedlich und jede Bank entscheidet selbst, ob sie in diesem Markt tätig sein will. Wir wissen, dass aufgrund des Tiefzinsumfelds im Frankenraum die Emissionserträge tief sind. Wir zeigen aber Ertragsmöglichkeiten entlang des Lebenszyklus eines Stablecoins. Vor dem Hintergrund des Marktpotenzials wollen wir verhindern, dass Schweizer Institute regulatorisch an der Seitenlinie stehen, während sich der Markt anderswo entwickelt.
Wo liegt aus Sicht der Banken der grösste regulatorische Handlungsbedarf?
Natalie: Zwei Punkte sind besonders wichtig. Erstens müssen die Vorgaben zur Reserveunterlegung die Finanzstabilität gewährleisten, aber gleichzeitig praxistaugliche und skalierbare Geschäftsmodelle ermöglichen. Zweitens braucht es bei der Geldwäschereibekämpfung eine international abgestimmte und risikobasierte Lösung. Finanzstabilität und Marktintegrität sind nicht verhandelbar. Aber Regulierung darf nicht dazu führen, dass ein CHF-Stablecoin am Ende zwar theoretisch aus der Schweiz kommen könnte, praktisch aber nur im Ausland wirtschaftlich angeboten werden kann.
Stellen Stablecoins nicht auch Banken vor Herausforderungen, wenn dadurch Einlagen abfliessen?
Martin: Dieses Risiko besteht, insbesondere in gewissen Ausgestaltungsvarianten. Ein sehr starkes Wachstum von Stablecoins kann zu einem Einlagenabfluss in einem Umfang führen, der die Bankbilanzen so beeinträchtigt, dass dies Auswirkungen auf die Kreditfinanzierung haben kann. Unsere Analyse zeigt jedoch, dass diese Effekte stark von der Grösse und der konkreten Ausgestaltung abhängen. Dies ist aber völlig unabhängig davon, wo der CHF-Stablecoin herausgegeben wird. Genau deshalb brauchen wir einen Rahmen, der eine Schweizer Lösung erlaubt. Nur so können die Risiken adäquat kontrolliert und die Ertragspotenziale ausgeschöpft werden.
Natalie, was wäre für dich am Ende eine gute Schweizer Lösung?
Natalie: Eine Lösung, bei der ein CHF-Stablecoin sicher und vertrauenswürdig ist, Schweizer Banken faire Wettbewerbsbedingungen haben und Innovation hier stattfinden kann. Dafür braucht es einen praxistauglichen, international kompatiblen und stabilitätsfördernden Regulierungsrahmen. Die Schweiz verfügt über einen starken Finanzplatz und hohe regulatorische Standards. Unser Ziel muss sein, -Stabilität und Wettbewerbsfähigkeit zusammenzubringen und gleichzeitig Raum für Innovation zu schaffen.
Martin, wenn wir in zwei oder drei Jahren zurückblicken: Was müsste passiert sein, damit du sagst, die Schweiz hat die richtigen Weichen gestellt?
Martin: Unsere Banken sollten die Wahl haben: Wer einen CHF-Stablecoin anbieten will, soll dies unter praxistauglichen und international wettbewerbsfähigen Bedingungen tun können. Entscheidend ist, dass konkrete Anwendungen entstehen und Wertschöpfung und Know-how in der Schweiz bleiben. Denn eines ist klar: Die Zahlungsinfrastruktur befindet sich aktuell in einem Umbruch. Und da kann die Schweiz, die im Innovationsranking seit Jahren auf dem ersten Platz ist, nicht Abseits stehen.
Wir danken euch beiden für eure Zeit und das Gespräch.