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25.03.2026

Selbstregulierung funktioniert eben auch

Banken nehmen aufgrund ihrer besonderen volkswirtschaftlichen Rolle weltweit eine Sonderstellung ein. Entsprechend gehören sie zu den am stärksten regulierten Branchen. Dass Regulierung nicht zwingend vom Staat ausgehen muss, zeigt das Beispiel der Bekämpfung von Greenwashing im Schweizer Anlagegeschäft. Eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern (HSLU) im Auftrag der Schweizerischen Bankiervereinigung (SBVg) kommt zum Schluss: Mit der Einführung einer branchenspezifischen Selbstregulierung sind Schweizer Banken das Thema in vergleichsweiser kurzer Zeit effektiv angegangen. 

Wenn in der Gesellschaft etwas nicht so läuft wie es – zumindest gefühlt – sollte, wird schnell der Ruf nach einer staatlichen Regelung laut. Das ist auf den ersten Blick verständlich, ist der Staat doch zu Neutralität verpflichtet und verfügt über entsprechende Ressourcen. Bei genauerem Hinsehen sind in manchen Fällen zumindest Zweifel angebracht. Die Ressourcen zur Durchsetzung einer Regulierung fallen nicht vom Himmel und neue Regeln sollten fachlich tragfähig sein. Genau hier setzt Selbstregulierung an: Der Staat definiert den Rahmen, während die konkrete Ausgestaltung den jeweiligen Akteuren überlassen bleibt. Dass dieser Ansatz funktionieren kann, belegt eine Studie der HSLU zur Umsetzung der Richtlinien der SBVg für nachhaltige Anlagelösungen.

Furcht vor Greenwashing als Auslöser 

Rückblende: Noch vor ein paar Jahren hatte der Begriff Greenwashing Hochkonjunktur. Bereits bei einfachen Konsumgütern war es schon für Fachleute aufgrund zahlreicher unterschiedlicher Bewertungsdimensionen schwierig, Greenwashing eindeutig zu identifizieren, bei nachhaltigen Anlagen war die Komplexität nochmals höher. Mit einem Positionspapier hat der Bundesrat Ende 2022 dieser Diskussion eine klare Richtung gegeben und gleichzeitig konkrete Erwartungen an die Finanzbranche formuliert. 

Diese handelte wiederum rasch. Weil sie kurz vorher in der EU beobachten konnte, wie aus einem an sich gut gemeinten (Regulierungs-)Vorhaben ein bürokratisches Monster entstand, entwickelten die entsprechenden Branchenverbände – die SBVg, die Asset Management Association Switzerland und der Schweizerische Versicherungsverband – ihre erst kurz zuvor eingeführte Selbstregulierung auf Basis der Position des Bundesrates weiter. Was für die Öffentlichkeit als Schlusspunkt wirken mochte, war für die Schweizer Banken hingegen ein Startschuss für umfassende Anpassungen.

In kurzer Zeit viel umgesetzt 

Mit der Kenntnisnahme der weiterentwickelten Selbstregulierung durch den Bundesrat im Juni 2024 waren Banken, Assetmanager und Versicherer gefordert. Die SBVg beauftragte daher die HSLU, per Ende September 2025 eine Erhebung des Status quo durchzuführen. Die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Den Worten sind konkrete Taten gefolgt. 86 Prozent der Banken haben die erste Fassung der Selbstregulierung für die Vermögensverwaltung bereits vollständig umgesetzt. 42 Prozent haben zudem die weiterentwickelte Richtlinie implementiert, weitere 42 Prozent befanden sich zum Erhebungszeitpunkt noch im Umsetzungsprozess. 

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor dürfte die prinzipienbasierte Ausgestaltung der Selbstregulierung sein. Statt auf Mikromanagement setzt sie auf klare Leitlinien und definiert klare No-Gos nur dort, wo sie wirklich notwendig sind. Entsprechend haben die Schweizer Banken auch die richtigen Schlüsse aus der (über)komplexen Ausgestaltung der analogen EU-Regulierung MiFID II gezogen und die Erhebung von ESG-Präferenzen bewusst einfach gehalten. Gemäss HSLU-Studie erfassen 74 Prozent der Institute die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kundinnen und Kunden mit lediglich ein bis zwei Fragen. Auch wenn der Anteil der Kundinnen und Kunden, die eine ESG-Präferenz angegeben haben, zwischen den Instituten stark variiert, liegt er im Schnitt weit über den in der EU erhobenen Werten. 

Bemerkenswert ist zudem, dass die Verfügbarkeit von ESG-Anlagelösungen – also solchen, die ESG-Kriterien berücksichtigen, aber nicht notwendigerweise als nachhaltig eingestuft sind – inzwischen höher ist als jene von konventionellen Anlagelösungen. Nur 11% der Banken leisten es sich noch, ausschliesslich letztere anzubieten.

Herausforderungen bleiben bestehen 

Entgegen der Behauptung mancher Kritiker war und ist die Umsetzung der Selbstregulierung kein Kinderspiel. Insbesondere das Thema Nachhaltigkeitsreporting stellt viele Institute vor grosse Herausforderungen. 87% der Banken bezeichnen die Anforderung, Informationen klar, transparent und verständlich zu vermitteln, als anspruchsvoll. Fehlende einheitliche Standards führen zu einem deutlich höheren Aufwand als beim klassischen Finanzreporting. Dennoch zeichnet sich aus den Ergebnissen ab, dass sich das Nachhaltigkeitsreporting zunehmend als Branchenstandard etabliert – ein wichtiger Schritt hin zu mehr Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit.

Weise Entscheidung 

Insgesamt zeigt die Studie, dass die Banken in der Schweiz bei der breiten Integration von ESG-Kriterien in ihre Anlagelösungen deutliche Fortschritte erzielt haben. Vor diesem Hintergrund erscheint der Entscheid des Bundesrates vom Juni 2024, auf eine staatliche Regulierung gegen Greenwashing im Finanzsektor zu verzichten, als kluge Wahl – insbesondere angesichts der Geschwindigkeit und Breite, mit der die Selbstregulierung umgesetzt wurde. Natürlich muss sich das System über die Zeit noch bewähren. Doch der Einstieg ist gelungen – und das wohl wirksamer und schneller als es eine staatliche Regulierung geschafft hätte. 

InsightSustainable Finance

Autoren

Erol Bilecen
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