Beyond Interfaces: Warum digitales Banking neu gedacht werden muss
Digitale Bankangebote gelten seit Jahren als modern, und doch haben sie sich im Kern kaum verändert. Zwar wurden Oberflächen erneuert, Prozesse digitalisiert und neue Kanäle geschaffen, doch das grundlegende Verständnis von Banking blieb lange gleich. Die Session «Beyond Interfaces – Designing Digital Banking for Customer Needs» am Digital Finance Day 2025 machte deutlich, dass dieses Modell an seine Grenzen stösst. Der zentrale Befund: Nicht das Interface entscheidet über die Zukunft des digitalen Bankings, sondern die Fähigkeit, reale Lebenssituationen und Kundenbedürfnisse abzubilden.
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Mike Hofmann (SIX bLink) spricht am Digital Finance Day
Kontext statt Kanäle
Finanzielles Verhalten entsteht nicht isoliert. Es ist eingebettet in Lebensumstände wie Mobilität, Arbeit, Gesundheit, Alter oder familiäre Situation. Kontostände und Transaktionsdaten allein reichen nicht mehr aus, um relevante Services zu entwickeln. Die Diskussion zeigte klar, dass digitale Bankangebote die Nicht-Linearität des Alltags widerspiegeln müssen. Lebensrealitäten sind fragmentiert, situativ, oft unvorhersehbar und genau daran scheitern viele heutige Lösungen. Digitales Banking kann Lebenssituationen antizipieren und darauf abgestimmte Angebote genau dann bereitstellen, wenn sie im Alltag tatsächlich benötigt werden. Konzepte wie Hyperpersonalisierung, Embedded Finance oder KI-gestützte Assistenz wurden in der Session nicht als Selbstzweck diskutiert, sondern als Werkzeuge, um Banking näher an reale Nutzungskontexte heranzuführen.
Open Finance als strukturelle Grundlage
Diese Verschiebung hin zu kontextbasiertem Banking setzt eine offene Infrastruktur voraus. Open Finance wurde in der Session nicht als Zukunftsvision beschrieben, sondern als bereits entstehende Realität. Finanzdaten werden zunehmend über Plattformen und Ökosysteme hinweg nutzbar gemacht, für Privatkunden ebenso wie für KMU. Die präsentierten Beispiele reichten von Multibanking-Lösungen bis zur Integration von Buchhaltungs- und Finanzsystemen für Unternehmen. Auffällig war vor allem die Dynamik: Immer mehr Institute schliessen sich solchen Netzwerken an, und mit jedem neuen Teilnehmer steigen die Erwartungen der Kunden.
Was Kunden tatsächlich erwarten
Ein zentraler Referenzpunkt der Diskussion war eine präsentierte Kundenbefragung. Die Ergebnisse waren eindeutig: Kunden wünschen sich einen zentralen Zugangspunkt zur Organisation ihres finanziellen Alltags – und zwar mit dem Ziel der Vereinfachung. Bemerkenswert ist, dass viele der von Kunden als besonders wertvoll wahrgenommenen Funktionen dabei über klassische Bankdienstleistungen hinausgehen. Vor allem jüngere Nutzer zeigten Interesse an Tools, die administrative Aufgaben reduzieren und Alltagsprozesse strukturieren. Die implizite Botschaft: Digitale Banken konkurrieren nicht mehr nur untereinander, sondern mit allen Services, die den Alltag effizienter machen.
Kooperation wird zur strategischen Notwendigkeit
Vor diesem Hintergrund zeigte die Session eine klare strategische Weichenstellung für Banken auf: Entweder sie verbleiben in einem produktzentrierten Modell mit eigenen Kanälen und begrenzter Reichweite, oder sie öffnen sich für Kooperationen und integrieren sich in breitere Ökosysteme.
Zusammenarbeit mit Drittanbietern wurde nicht als Ergänzung, sondern als Voraussetzung für Relevanz beschrieben. Regulatorische Entwicklungen, etwa im Bereich Open Pension Data, verstärken diesen Druck zusätzlich. Offenheit wird damit nicht nur marktwirtschaftlich, sondern zunehmend politisch eingefordert.
KI-Agenten und die nächste Entwicklungsstufe
Abschliessend richtete sich der Blick auf die nächste Evolutionsstufe: KI-Agenten, die kontextuelle Finanzdaten interpretieren und selbstständig Handlungsvorschläge ableiten können. Vorgestellt wurde ein Standard, der es KI-Systemen ermöglicht, mit Finanzökosystemen zu interagieren. Der entscheidende Punkt dabei: KI wurde nicht als Ersatz für bestehende Interfaces diskutiert, sondern als verbindendes Element. In einer zunehmend fragmentierten Finanzrealität kann sie helfen, Komplexität zu reduzieren und Entscheidungen besser zu strukturieren, beispielsweise über natürliche Sprache oder intelligente Assistenzfunktionen.
Digitale Banken: zwischen Kontext, Offenheit und Relevanz
«Beyond Interfaces» beschreibt weniger ein Designkonzept als einen grundlegenden Perspektivenwechsel. Digitales Banking wird künftig nicht durch einzelne Oberflächen definiert, sondern durch das Zusammenspiel von Kontextverständnis, offenen Infrastrukturen und Kooperation. Interfaces bleiben notwendig, aber sie sind nicht mehr der Ort, an dem Differenzierung entsteht. Entscheidend ist, wie gut Banken das Leben ihrer Kunden verstehen und darin sinnvoll eingebettet sind.